ΔΗΜΗΤΡΗΣ ΜΗΤΡΟΠΟΥΛΟΣ (1896-1960)

Dr. Carmen Ottner, "Apokalyptischer Klangrausch": Dimitri Mitropoulos dirigiert Franz Schmidts Oratorium "Das Buch Mit sieben Siegeln".

 (Salzburger Festspiele 1959)

 

Anlässlich des 20. Todestags von Franz Schmidt (+ 11. 2. 1939) wurde bei den Salzburger Festspielen am 23. 8. 1959 das Oratorium „Das Buch mit sieben Siegeln“ aufgeführt. In der Zeitung „Die Presse“ las man damals, diese Aufführung sei einer der „denkwürdigsten Konzertereignisse der Salzburger Nachkriegsfestspiele“ gewesen. Ab 1992 veröffentlichte man CD-Aufnahmen herausragender Konzerte und Opernabende der Salzburger Festspiele und daher ist es möglich, diese „denkwürdige“ Interpretation nachzuvollziehen, die von Dimitri Mitropoulos geleitet wurde.

Der Künstler war erstmals 1954 in Salzburg zu Gast: Er dirigierte zwei Konzerte mit den Wiener Philharmonikern, - u. a. Werke von Krenek und Einem, womit wir seinen steten Einsatz für zeitgenössische Musik auch in diesem Rahmen konstatieren können. Danach übernahm er nach dem Tod Wilhelm Furtwänglers die legendäre „Don Giovanni“- Aufführung, dirigierte später u. a. „Elektra“, die Erstaufführung von Samuel Barbers „Vanessa“, Hector Berliozs´ Requiem und die 8. Symphonie Gustav Mahlers.

Einige Zeit vor der bejubelten Aufführung von Schmidts „Das Buch mit sieben Siegeln“ erlitt Mitropoulos einen schweren Herzinfarkt. Aus den sechs Briefen, die mir die Verantwortlichen des Archivs der Salzburger Festspiele dankenswerterweise zur Verfügung stellten, ersehen wir, dass der Dirigent trotz dieser gesundheitlichen Querelen auf eine Reise nach Europa nicht verzichten wollte. Am 26. 11. 1958 berichtete man dem Dirigenten aus Salzburg, dass

„Herr von Mattoni“ (langjähriger Privatsekretär von Herbert von Karajan) den Direktionsmitgliedern „von seinen Besprechungen mit Ihnen in New York erzählt“ hätte: Mitropoulos werde am 23. 8. „Das Buch“ dirigieren. „Die Proben dazu finden am 20., 21. und 22. statt… das Konzert im grossen Spielsaal des Festspielhauses“. (Damit meinte man das gegenwärtige „kleine“ Festspielhaus, das „große“ existierte noch nicht). Hinsichtlich des Chors gab es zwei Optionen: der Staatsopernchor oder der Singverein. Wie wir heute wissen, entschied man sich für den Letzteren, den Uraufführungschor.

Danach erlitt Mitropoulos die schwere Herzattacke. Am 16. 3. 1959 erreichte ihn in New York wieder ein Schreiben der Direktion der Salzburger Festspiele, in dem man „der Freude Ausdruck“ verlieh, „… dass gerade bei uns wiederum Ihr künstlerisches Wirken beginnt.“ Er solle „den Ärzten“ ein „folgsamer Patient sein.“ Zwei Wochen später antwortete Mitropoulos in englischer Sprache „My dear Friend, Baron Puthon“ (ein Direktionsmitglied) und beteuerte, wie sehr er sich freue, „this wonderful masterpiece of Franz Schmidt“ dirigieren zu dürfen. Am 17. August werde er in Salzburg sein.

Am 22. 5. sandte man aus Salzburg einen Brief mit der Sängerbesetzung, der uns darüber informiert, dass ursprünglich Otto Edelmann als „Stimme des Herrn“ und auch als Bass des Quartetts vorgesehen war (eine Usance der Uraufführung, gegenwärtig werden meist zwei Bässe verpflichtet). Die übrigen Sänger und Alois Forer als Organist standen stets fest. Zu Fritz Wunderlich ergänzte man, dass er derzeit am „Opernhaus Stuttgart“ engagiert sei und „heuer in Salzburg zum ersten Mal mitwirkt“! Die begeisterte Antwort Mitropoulos´ erfolgte prompt Anfang Juni: „… this most wonderful cast that I could ever dream of… What pleases me most is the organist Alois Forer! You know how important are those solo interludes, and what a virtuoso organist is required for them.” (1. Beispiel: Brief vom 3. Juni 1959). (Zu Forer ist zu ergänzen, dass der Organist als Spezialist für Schmidts gewaltiges Orgeloeuvre galt und auch in seiner späteren Unterrichtstätigkeit am „Mozarteum“ die Studenten mit diesen Werken bekannt machte.)

Der letzte Brief, datiert mit 7. 8. 1959, informierte Mitropoulos, der sich damals im „Hotel Eden au Lac Zürich“ aufhielt, dass „Kammersänger Edelmann… durch den schweren Verlust, der ihn betroffen hat – seine Frau ist ganz unerwartet verstorben – auf Monate hinaus alles absagt und wir haben Herrn Walter Berry von der Wiener Staatsoper für ihn verpflichtet. Herr Berry hat die Partie in Wien mehrfach gesungen und wir glauben, dass Sie mit ihm zufrieden sein werden“. Mit dieser Umbesetzung bot man dem jungen Sänger – so wie Fritz Wunderlich – eine weitere Möglichkeit, sich in einem glanzvollen Rahmen neben den beiden berühmten Kolleginnen Hilde Güden und Ira Malanuik - zu präsentieren. (2. Beispiel: Photo mit den Sängern und Mitropoulos, Berry fehlt).

Bevor wir uns mit den zahlreichen hymnischen Rezensionen beschäftigen, sollen wichtige Fakten zur Entstehung und der Konzeption des Oratoriums vorausgeschickt werden.

Auf eine konkrete Analyse wird hier verzichtet, da es dazu entsprechend fundierte Literatur gibt1):

Franz Schmidt wurde ab 1932, nach dem unerwarteten, tragischen Tod seiner Tochter Emma, von beängstigenden psychischen und physischen Problemen geplagt, die ihn immer wieder zu Schaffenspausen zwangen, bzw. fasste er dann 1937 den Entschluss, als Professor und Rektor der gegenwärtigen Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien in Pension zu gehen.  

Die Konzeption von „Das Buch mit sieben Siegeln“ beanspruchte ihn daher zwei Jahre, von 1935-37, nachzuvollziehen durch den Briefwechsel mit dem Dirigenten der Uraufführung, Oswald Kabasta.2) Konzipiert wurde das Werk im Hinblick auf das 125jährige Jubiläum der Gesellschaft der Musikfreunde. Bis dato wird „Das Buch“ regelmäßig, - vor allem im „Goldenen Saal“ des Musikvereins, aber auch in den Bundesländern, im Ausland,- aufgeführt. (Nächste Wiener Aufführung: Mai 2012. Wiener Symphoniker; Fabio Luisi).

Die triumphale Uraufführung erfolgte am 15. Juni 1938 im „Goldenen Saal“, als „Österreich“ nicht mehr existierte. Einige anwesende Studenten und Freunde Franz Schmidts mussten bald danach das Land verlassen. Für den bereits todkranken Komponisten bedeutete die Uraufführung das letzte große berufliche Erlebnis dieser Dimension.  

Franz Schmidt bezeichnete seine Apokalypse-Vertonung nicht explizit als Oratorium. Auf dem Deckblatt des Autographs – im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde verwahrt -

lesen wir: „Für Soli, Chor, Orgel und Orchester“. Unzweifelhaft in der Tradition der Oratorienkompositionen Händels, Haydns, Mendelssohns und Liszts stehend, konzipierte Schmidt sein Werk in drei Teilen, bzw. in 21 Abschnitten. Obwohl man in diesen drei Teilen formale, motivisch-thematische Bezüge findet, ist aber jeder einzelne Teil in sich abgeschlossen. Einen „roten Faden“ bilden auch die Rezitative des „Johannes“, der in der „Testo“- Tradition die Ereignisse schildert.

 

Der Aufbau: Prolog – 1. Orgelzwischenspiel – Teil I (6 Siegel) – 2. Orgelzwischenspiel – Teil II (7. Siegel; mehrere Passagen mit den 7 Posaunen und der Ansprache der „Stimme des Herrn“; letzter Abschnitt mit Hallelujah; rezitativisches Gebet des Männerchores a capella; Schlussansprache des Johannes).

In den „Bemerkungen“ zu diesem „opus summum“, erstmals im Programmheft der Uraufführung veröffentlicht, meinte Franz Schmidt: dieser „Versuch, die Apokalypse zusammenhängend zu vertonen“ sei „der erste, der bisher unternommen wurde.“ Dies war ein Irrtum, allerdings ein verzeihlicher, denn die Vertonungen von z. B. Friedrich Schneider („Die letzten Dinge“,1820) oder Louis Spohr („Das Weltgericht“, 1826) dürften bereits damals hier kaum bekannt, geschweige denn im Konzertsaal zu hören gewesen sein.3)

Der letzte Satz seiner „Bemerkungen“ formulierte aber einen Wunsch, der sich bis dato erfüllt hat: „…, wenn es meiner Vertonung gelingt, diese beispiellose Dichtung, deren Aktualität jetzt, nach achzehneinhalbhundert Jahren, so groß ist wie am ersten Tage, dem Hörer von heute innerlich nahezubringen, dann wird dies mein schönster Lohn sein.“

Dass die schreckliche „Aktualität“ damals im Juni 1938 ihren Anfang nahm, wagten sich wahrscheinlich nicht viele Zuhörer vorzustellen.

Aus dem Archiv der Salzburger Festspiele erhielt ich zehn sehr ausführliche Kritiken, erschienen in österreichischen und deutschen Zeitungen und sechs kurze Mitteilungen aus verschiedenen amerikanischen Printmedien stammend, die sich aber meist mit Hilfe von Zitaten auf diese zehn Rezensionen beriefen.

Tenor aller Kritiken: ein musikalisches Ereignis weit auch über dem üblichen Niveau der Salzburger Festspiel-Konzerte. (3. Beispiel: Programmzettel). Ein posthumer Triumph für den Komponisten: Derzeit kann man in Zeitungskritiken nur sehr selten so zahlreiche, fundierte und enthusiastische Werkanalysen lesen, - wie damals anno 1959!

Die Aufführung bedeutete aber auch einen exorbitanten Erfolg für den Dirigenten Dimitri Mitropoulos, der auswendig dirigierte! Herbert von Karajan und Georges Szell schlossen sich dem begeisterten Applaus an, der mehr als eine Viertelstunde anhielt, „obwohl“ – wie „Dr. G. P.“ in der „Wiener Zeitung“ sarkastisch bemerkte, - „die bürgerliche Mittagsstunde doch längst vorbei war“. Dieser Kritiker charakterisierte den Dirigenten als „Mystiker und Nachfahre griechisch-orthodoxer Bischöfe und Mönche.“ Alle Rezensenten gaben ihrer Freude über seine Genesung und das Faktum Ausdruck, dass er hier in Salzburg den ersten Auftritt nach seiner schweren Krankheit absolvierte. Im „Demokratischen Volksblatt“ schrieb z. B. Robert Stein: „Von der Krankheit schwer gezeichnet, fast als ätherische Erscheinung, musikalisch aber so jung und ungebrochen, künstlerisch so besessen und gewaltig, dass unsere Erschütterung ehrlich und tief war.“

In einer einzigen Kritik („Express am Morgen“) monierte ein „ss“, dass der Dirigent ein „im wesentlichen romantisches Konzept“ verfolgte, „was ja diesem Oratorium durchaus entspricht. Weniger auf Detailmalerei und Transparenz bedacht, versuchte er die einzelnen Visionen des Johannes als geschlossene Komplexe aufzufassen und gegeneinander nach dramatischen Prinzipien auszuspielen. Hierbei bediente er sich teils ruhigerer Tempi, als im Allgemeinen üblich, teils lebhafterer.“ Der Rezensent bemängelte auch, dass man dieses Werk in sehr großer Besetzung „in das für solche Fälle akustisch ungünstige Festspielhaus“ „pfropfte“. „Nebenan stand – bei schönstem Wetter – die Felsenreitschule leer. Triumph der Planung!“ Dazu ist zu bemerken, dass die Felsenreitschule damals noch nicht über ein stabiles, die Regengeräusche absorbierendes, Dach verfügte und die Salzburger Wetterverhältnisse für die Verantwortlichen einen stetigen Unsicherheitsfaktor darstellten.

Unter den Rezensionen, die ansonsten durchwegs hymnischen Inhalts waren, liest man drei besonders gelungen formulierte Beispiele: Die Kritik der „Salzburger Nachrichten“, deren Überschrift den Titel dieses Referats ziert: „Apokalyptischer Klangrausch“ (4. Beispiel: Rezension / Salzburger Nachrichten“, 24.8.1959). Hier lesen wir zur Leistung Mitropoulos´u. a.: „“… wie Dimitri Mitropoulos mit ungebrochener dynamischer Intensität hier jede Einzelheit mit Leben erfültt und mit beispielloser Ökonomie der Kräfte alles einem schöpferischen Aufbau dienstbar macht, bleibt unvergesslich.“ Weiters die Beurteilung Erik Werbas, des legendären Liedbegleiters, Pädagogen und Musikwissenschafters, in der „Salzburger Volkszeitung“ mit der Überschrift „Ein Triumph der Sakralmusik im Festspielhaus“. Werba schrieb über Mitropoulos: „Welch ein Meister! Man muss wohl mediterraner Herkunft sein, um mit soviel echter Romantik, mit soviel ursprünglichem Sinn für diese Art Musik am Werk sein zu können. Mit sparsamen Zeichen hat Mitropoulos eine Wiedergabe gewährgeleistet, die mit dem Eigenschaftswort „erlebnishaft“ nicht zu übertrieben geschildert ist.“ (5. Beispiel: Rezension / „Salzburger Volkszeitung“, 24.8.1959).

Die dritte besonders bemerkenswerte Rezension stammte von Karl Schumann, publiziert in der „Süddeutschen Zeitung“. Bemerkenswert hinsichtlich der Beurteilung der Komposition und der Persönlichkeit des Dirigenten: „Der wohl größte lebende Dirigent neben Bruno Walter – er verbindet das Weltanschaulich-Schürfende der ausgestorbenen Generation mit dem virtuosen Furor und der ´amerikanischen´ Präzision der Jüngeren… Dirigieren als geistig-schöpferischer Vorgang – das auswendige Beherrschen der Riesenpartitur war dabei Sinnbild, nicht Pose – hatte man selten so überwältigend demonstriert bekommen.“

Die Leistung der Sängerinnen, des Chors, des Orchesters, des Organisten wurden – mit Ausnahme von einzelnen kleinsten Einschränkungen – Allgemein als Sternstunde einer musikalischen Realisation gelobt. Dimitri Mitropoulos und den Künstlern wäre eine „menschliche Großtat“ gelungen. Eine Passage in der Kritik von Ewald Cwienk in der „Kleinen Zeitung“ hat ihre Aktualität bis in die Gegenwart nicht verloren: „Er hat sich schon dadurch hinausgehoben über den Festivalbetrieb mit den genormten Programmen, in denen sich die Dirigier-Weltreisenden… mit dem ´Bewährten´ selbst zu repräsentieren pflegen.“

 

[Beispiele: Mit der freundlichen Genehmigung der Verantwortlichen des Archivs der Salzburger Festspiele].

 

Anmerkungen:


1) Gerhard Winkler: Anmerkungen zu Schmidts Oratorium Das Buch mit sieben Siegeln. In. „Franz Schmidt und seien Zeit“. Symposion 1985. (Hg. v. Walter Obermaier). Studien zu Franz Schmidt VI. Wien 1988. S. 67-90. Philip Weller / Robert Pascall: „Vom Standpunkt des tiefreligiösen Menschen und des Künstlers“: Textverarbeitung und rhetorisch-szenische Darstellung in Das Buch mit sieben Siegeln von Franz Schmidt. In: „Apokalypse“. Symposion 1999. (Hg. von Carmen Ottner). In: Studien… XIII. Wien 2001. S. 183-219. Carmen Ottner: Franz Schmidt: Das Buch mit sieben Siegeln. In: Kontexte. „Kunst als Botschaft und Information“. Symposion 2000. (Hg. v. Vlasta Reitterova / Hubert Reitterer). Prag 2002. S. 165 – 173.

2) Carmen Ottner: Briefe und Kompositionen Franz Schmidts im Privatbesitz. In: Studien zur Musikwissenschaft. Bd. 38. (Hg. von Othmar Wessely). Tutzing 1987. Briefwechsel Schmidt-Kabasta: S. 221-237.

3) Carmen Ottner (Hg.): Apokalypse. Symposion 1999. Studien zu Franz Schmidt XIII. Wien 2001. Hier werden nach einführenden Aufsätzen zum Thema, literarischen Exkursen, Kompositionen von den Anfängen sakraler Musik bis „Heavy Metal“, bzw. die bedeutendsten Werke aus allen Epochen dargestellt.

 

MUSIKBEISPIELE: CD Sony „Festspieldokumente“ 1995.

 

Teil 1.

1.) Take 7: 1. Siegel Johannes + Chor „König der Könige“

2.) Take 9: 3. Siegel: Schwarzes Ross. Dermota, Berry, Güden – Malanuik Mutter, ach Mutter

3.) Take 10: 4. Siegel: Fahles Roß. Dermota, Zwei Überlebende: Wunderlich, Berry

 

Teil 2:

 

1.) Take 7: Johannes „Und ich sah einen neuen Himmel“, Stimme des Herrn: „Ich bin das A und das O

2.) Take 8: Hallelujah

3.) Take 10: Ende ab 1, 40    

 

 

 

 

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